Drei Sätze, ein Motiv

agentic-coding

»In improvisation, there are no mistakes.« — Miles Davis

Es gibt Konferenzen, bei denen man merkt, dass etwas in Bewegung geraten ist. Nicht an den bunten Folien irgendeiner verheisungsvollen Agenda, sondern an der Energie in den Räumen, an den Gesprächen zwischen den Talks, am Leuchten in den Augen derer, die gerade erst anfangen und derer, die schon mittendrin stecken. Die Agentic Conf Hamburg im Medienbunker an der Feldstraße war so eine Konferenz. Ganz dicht am Millerntor und meinem magischen FC (mehr dazu später). Ausverkauft, mit über zweihundert Menschen, und mit diesem schwer zu beschreibenden Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich kenne dieses Gefühl. Es hat mich in den letzten zwanzig Jahren dreimal gefunden, und jedes Mal klang es ein bisschen anders.

Der erste Satz? Die DevOps-Bewegung. Wer sich daran erinnert, erinnert sich an kleine, laute Konferenzen in Städten wie Barcelona oder Gent, an Menschen, die ihre eigenen Werkzeuge bauten, weil es die Werkzeuge, die sie brauchten, schlicht noch nicht gab. Eine Szene von Überzeugungstäter:innen, von Leuten, die verstanden hatten, dass die Mauer zwischen Entwicklung und Betrieb nicht gottgegeben war, und die anfingen, sie einzureißen. Es gab Ideen, es gab Code, und es gab den gemeinsamen Willen, etwas anders zu machen. CI/CD, "Infrastructure as Code", GitOps, you name it… Ein schnelles, raues Stück Bebop, wenn man so will.

Der zweite Satz kam mit der Cloud, und er begann nicht unabhängig vom ersten — im Gegenteil. Es war die DevOps-Bewegung mit ihrem Drang zur Automatisierung, die das Leitmotiv vorgab, auf dem die Cloud ihre eigene Kompositionen aufbauen konnte. Beide Sätze entwickelten sich parallel, inspirierten sich gegenseitig, und doch fühlte sich die Cloud anders an. Auch sie begann als Versprechen von Freiheit — kein eigenes Rechenzentrum mehr, keine Hardware, die nach drei Jahren in irgendeinem Rechenzentrum veraltet, keine Speicherriegel, die gesucht und gefunden werden mussten, weil ein Bitfehler die Datenintegrität gefährdete. Für Start-Ups war das ein Segen, es war die Möglichkeit, mit wenig Kapital Dinge auszuprobieren, welche vorher noch Investitionen verlangt hätten, die kaum zu tragen waren. Wir bekamen einen Kasten voll von faszinierenden Bausteinen, und ständig kamen neue hinzu. Die großen Anbieter schufen Plattformen und Ökosysteme, und wir lernten, sie zu nutzen. Das war wertvoll, aber es war irgendwie nicht dasselbe Feuer. Eher ein orchestraler Satz — mächtig, durchkomponiert, aber mit weniger Raum für Improvisation.

Und nun also der dritte Satz. Im Medienbunker, zwischen den dicht besetzten Reihen und den Gesprächen in den Fluren, hörte ich in der letzten Woche beide Melodien gleichzeitig. Die Agentic-Coding-Bewegung trägt den Geist des ersten Satzes in sich: Menschen, die neue Ideen verwirklichen, die kreativ experimentieren und offen teilen, was funktioniert und was grandios scheitert. Doch sie trägt auch das Erbe des zweiten Satzes, und wir sollten uns dabei nichts vormachen: Wir bauen unsere Ideen einmal mehr auf die Infrastruktur großer US-amerikanischer KI-Anbieter, sind abhängig von deren Lösungen und einem polistischen Klima, das aktuell unberechenbar erscheint. Wer heute agentisch entwickelt, tut das in aller Regel nicht mit offenen Modellen, die leider kaum an die Leistung der proprietären heranreichen. Unsere Abhängigkeit ist real, und sie verdient dieselbe kritische Betrachtung, die wir der Cloud-Zentralisierung hätten widmen sollen, als noch Zeit dafür war. Um in musikalischen Metaphern zu verharren: Vielleicht ist dieser dritte Satz eine Art Modal Jazz: ein Rahmen, den andere vorgeben, innerhalb dessen aber erstaunliche Freiheiten entstehen können.

Was mich am meisten beeindruckt hat, war nicht ein einzelner Talk, sondern ein Motiv, das sich durch den gesamten Tag zog — der selbe Grundton, den Speaker um Speaker, unabhängig voneinander, anstimmten. Es braucht Struktur. Es braucht Spezifikationen. Es braucht dokumentierte Entscheidungen. Es braucht klare Leitplanken für die Zusammenarbeit mit KI-Agenten. Das klingt wenig revolutionär, und genau das ist der Punkt. Was dort als Best Practices des agentischen Entwickelns verhandelt wurde, sind letztlich die Basics guter Software-Entwicklung, die vielleicht im Alltag zu vieler Teams in den Hintergrund geraten, verdrängt von immer kürzeren Produkt-Zyklen und dem Druck, Features zu liefern statt Fundamente zu legen. Dass ausgerechnet die KI uns dazu bringt, diese Grundlagen wieder ernst zu nehmen, hat eine Ironie, die mir gefällt.

Besonders spannend wurde es dort, wo sich die Perspektiven scheinbar widersprachen. Viele Vorträge möchten die KI-Agenten einhegen, um möglichst kontrollierbare und vorhersagbare Ergebnisse zu erzeugen — verständlich, wenn man produktionsreife Software bauen will. Ein anderer Gedanke aber hielt sanft dagegen, sah in der probabilistischen Natur der Sprachmodelle nicht nur ein Problem, das es zu zähmen gilt, sondern auch eine Quelle für Lösungswege, die auf dem reinen deterministischen Pfad nie entstanden wären, für Gedanken, auf die ein Mensch alleine so vielleicht nicht gekommen wäre. Wie unterschiedliche Musiker:innen, die dasselbe Stück spielen und doch zu verschiedenen Interpretationen finden. Das eine schloss das andere nicht aus, und genau das machte die Diskussion so wertvoll.

An diesem Tag wurde auch die Geschichte des KI-Agenten erzählt, der vor einer seit Jahren gewachsenen und längst veralteten Codebasis kapitulierte, Lösungen und Libraries herbeihalluzinierte, die es so nicht gab, und am Ende doch den Menschen brauchte, um die richtigen Fragen zu stellen und Alternativen zu finden. Es macht eben immernoch einen Unterschied, ob man auf der grünen Wiese ein neues Projekt mit gut dokumentierten Frameworks aus dem Boden stampft oder sich durch jahrzehntealtes Gestrüpp kämpft, für das vielerorts die Landkarten fehlen. Wir werden innerhalb dieser Prozesse nicht weniger wichtig, aber wir werden in unseren Rollen andere, neue Schwerpunkte setzen müssen. Denn es braucht uns und unseren guten "Geschmack", um Produkte zu erschaffen und Ergebnisse zu bewerten, unser Urteilsvermögen, um zu erkennen, wann die Maschine irrt und eine Kurskorrektur notwendig wird.

»The more efficient you are at doing the wrong thing, the wronger you become. It is much better to do the right thing wronger than the wrong thing righter. If you do the right thing wrong and correct it, you get better.« - Russell L. Ackoff

Ich ging an diesem Abend mit dem Gefühl nach Hause, das ich von besseren Konferenzen kenne: dem Drang, etwas Neues auszuprobieren. Nicht weil jemand mir ein Produkt verkauft hätte, sondern weil die Energie ansteckend war, die Ehrlichkeit erfrischend und die Erkenntnis bestärkend, dass ich mit meinem eigenen Weg nicht alleine bin. Vibest du noch oder Woopst du schon? Die Hamburger Agentic-Coding-Community, die in bemerkenswert kurzer Zeit auf zahlreiche Mitglieder angewachsen ist, hat etwas geschaffen, das größer ist als die Summe ihrer Meetups. Sie hat einen Raum eröffnet, in dem der dritte Satz seine Stimmen finden kann.

Wenn die Musik spielt, bin ich dabei.


Über den Rest des Tages, den Busempfang des FC St. Pauli und einen veritablen Hexenschuss, den ich mir ebendort beim (erfolgreichen!) Versuch, meine Tochter sportlich auf die eigenen Schultern zu wuppen, einfing, hüllen wir genauso das Schweigen wie über die zweite Halbzeit und das Ergebnis des Spiels des FC St. Pauli gegen den SC Freiburg.